Am 27. März 1945 endete für Walsum der Zweite Weltkrieg. An diesem Tag nahmen alliierte Streitkräfte die letzten Ortsteile der Stadt ein. Verantwortlich dafür war die Operation „Plunder“, die wenige Tage zuvor begonnen hatte. Wie erlebte Walsum diesen schicksalhaften März?

Am 6. Juni 1944 landeten die westalliierten Verbände der Anti-Hitler-Koalition in der Normandie (D-Day), um neben der sowjetischen Roten Armee eine zweite Front gegen das Deutsche Reich zu errichten. Diese Landung hatte gravierende Folgen für den weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Auch die Stadt Walsum bekam dies bald zu spüren. So wurden vier Monate später, am 14. Oktober, 4.908 Wohnräume durch einen schweren Luftangriff zerstört.

Bis Ende Februar 1945 stießen die amerikanischen Verbände an den Rhein vor und besetzten das linke Ufer. Diese beschossen die Walsumer Industrie: Die Anlagen der Aschaffenburger Zellstoffwerke, des Hafens und der Rheinwerft wurden so schwer getroffen, dass die Unternehmen ihre jeweilige Produktion am 6. März einstellen mussten. Durch Bombenangriffe und Tieffliegerbeschuss waren die im Hafen liegenden Schiffe teils versenkt, teils schwer beschädigt worden. Gesunkene Schiffe versperrten die Hafeneinfahrt. Lediglich das Bergwerk Walsum konnte seine Förderung in beschränktem Umfang bis Kriegsende aufrechterhalten. Die Rheinfähre zwischen Walsum und Orsoy hatte bereits am 5. März gegen Mittag ihren Betrieb eingestellt, nachdem amerikanische Panzer am Westrand von Orsoy erschienen waren. Daraufhin sprengten Pioniere die Ponte.

Um auf die andere Rheinseite übersetzen zu können, trafen sich am 15. März General Dwight David Eisenhower (Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, später US-Präsident), der britische Premierminister Winston Churchill und der britische Feldmarshall Bernhard Law Montgomery in Walbeck. Hier beschlossen sie, am 24. März auf der Rheinlinie massiv anzugreifen. Sie gaben der Operation den Namen „Plunder“ (deutsch: Plünderung). Damit diese auch gelang, hatte man zuvor Überquerungen an Flüssen in Großbritannien und der Maas geübt. Zweck der Rheinüberquerung war, über die norddeutsche Tiefebene nach Osten und Norden in das Deutsche Reich vorzudringen.

Um den Widerstand auf der anderen Rheinseite zu brechen, begannen die Amerikaner am 21. März mit Luftangriffen auf vermutete deutsche Luftwaffenstützpunkte. So wurde Dinslaken in den folgenden Tagen zu 80 % zerstört. Einen Tag später, am 22. März, griffen Engländer und Amerikaner mit 29 Divisionen bei Wesel an. 2.000 Geschütze und 6.000 Flugzeuge zertrümmerten zwischen Emmerich und Walsum fast jedes Haus, um den Angriff über den Rhein vorzubereiten.

Damit niemand auf der rechten Rheinseite die Vorbereitungen der Alliierten beobachten konnte, hatten diese das Gebiet künstlich eingenebelt. Unter dem Schutz dieser 100 Kilometer langen Nebelwand setzte am 23. März gegen 20 Uhr ein Vernichtungsfeuer der amerikanischen Artillerie auf das gegenüberliegende Rheinufer ein. Dadurch waren die deutschen Stellungen nach Bericht des United-Press-Korrespondenten Clinton B. Conger „dem furchtbarsten Trommelfeuer der Artillerie, das in diesem Weltkrieg je in Gang war, ausgesetzt“ (zitiert nach Willi Dittgen: Die Operation „Plunder“, in: Dinslakener Heimatkalender 1955).

Gegen 2 Uhr morgens begann dann die Operation „Plunder“. Die alliierten Verbände bereiteten die Rheinüberquerung durch gezielte Luftunterstützung vor. Mit mehreren Tausend Flugzeugen und Lastensegler war es das größte Luftlandeunternehmen der Geschichte. 285 Jeeps und Lastwagen sowie 66 Kanonen wurden so am rechten Rheinufer abgesetzt. Insgesamt landeten 20.707 alliierte Soldaten; auch in der Nähe von Wehofen landeten Fallschirmspringer.

Mit dieser Luftunterstützung setzten die amerikanischen, britischen und kanadischen Truppen nun über den Rhein. Über 50.000 Pioniere errichteten 12 Brücken, über die eine Armee rollte, wie sie der Niederrhein noch nie erlebt hatte.

So konnte z. B. am Stapp in Eppinghoven die 79. Division mit zwei Regimentern übersetzen. Pioniereinheiten schlugen in kurzer Zeit zwei Schiffbrücken bei Mehrum, eine bei Eppinghoven und eine in der Nähe der Walsumer Fähre über den Rhein. Nun konnten die Amerikaner Bataillon auf Bataillon und schwere Panzer in endlosen Kolonnen über den Fluss führen. Die deutschen Streitkräfte waren bereits zu geschwächt und zogen sich weitestgehend zurück.

Die Walsumer Ortsteile Eppinghoven, Overbruch und Vierlinden wurden noch am 24. März besetzt. Am selben Tag setzte die Militärregierung den Verwaltungsangestellten Christian Pohlmann als neuen Bürgermeister Walsums ein. Drei Tage später, am 27. März, wurden dann die Ortsteile Aldenrade, Walsum-Dorf und Wehofen eingenommen. Damit war der Zweite Weltkrieg für Walsum beendet. In der Folgezeit wurde Haus für Haus durchsucht, auch weil man nach namentlich bekannten Mitgliedern der NSDAP fahndete.

Churchill wohnte übrigens diesem historischen Ereignis bei: Er flog von London zum Hauptquartier des britischen Feldmarshalls Montgomery bei Venlo, um das Landeunternehmen der Einheiten zu beobachten. Er hatte darauf bestanden, diesen Augenblick der Rheinüberquerung an Ort und Stelle mitzuerleben, obwohl Montgomery und Eisenhower dies als zu gefährlich angesehen hatten.

Die erfolgreiche Rheinüberquerung hatte entscheidende Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Mitte April 1945 wurden die Kämpfe im Ruhrgebiet eingestellt und die alliierten Truppen erreichten bei Magdeburg die Elbe. Noch vor Ablauf des Monats trafen sich die westlichen Streitkräfte bei Torgau an der Elbe mit der Roten Armee, Anfang Mai dann in Holstein und Mecklenburg. Wenige Tage später, am 8. Mai 1945 kurz vor Mitternacht, trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft, womit der Krieg in Europa vorbei war. Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 kapitulierte auch das japanische Kaiserreich, so dass der Zweite Weltkrieg am 2. September 1945 endete.